Viele Schwangere hören Sätze wie: „Das gehört eben dazu." oder „Da müssen Sie jetzt durch." Als Frauenarzt sehe ich das etwas differenzierter. Ja, Übelkeit und Erbrechen gehören zu den häufigsten Beschwerden in der Schwangerschaft. Das bedeutet aber nicht, dass Frauen diese Beschwerden einfach hinnehmen müssen.
In den vergangenen Jahren hat sich unser Wissen über Schwangerschaftsübelkeit deutlich erweitert. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse und ein aktueller Expertenkonsens zeigen, dass eine frühzeitige Behandlung die Lebensqualität verbessern und schwere Verläufe möglicherweise verhindern kann.
Übelkeit und Erbrechen treten deutlich häufiger auf, als viele vermuten. Ein großer Teil aller Schwangeren erlebt diese Beschwerden in den ersten Schwangerschaftswochen. Typischerweise beginnen die Symptome zwischen der 4. und 6. Schwangerschaftswoche, erreichen ihren Höhepunkt um die 9. bis 10. Woche und bessern sich bei den meisten Frauen bis etwa zur 16. Schwangerschaftswoche.
Den Begriff „Morgenübelkeit" finde ich dabei etwas irreführend. Aus meiner Erfahrung leiden viele Patientinnen nicht nur morgens darunter. Die Beschwerden können jederzeit auftreten – morgens, mittags, abends oder sogar nachts.
Viele Außenstehende unterschätzen, wie stark Übelkeit die Schwangerschaft beeinflussen kann.
Patientinnen berichten mir häufig, dass sie:
Gerade wenn die Beschwerden mehrere Wochen anhalten, leidet häufig die gesamte Lebensqualität. Deshalb sollte Schwangerschaftsübelkeit ernst genommen werden.
Die genaue Ursache ist bis heute nicht vollständig geklärt. Wahrscheinlich spielen mehrere Faktoren zusammen.
Unter anderem diskutiert die Wissenschaft:
In den letzten Jahren ist insbesondere das Hormon GDF15 stärker in den Fokus der Forschung gerückt. Es könnte eine wichtige Rolle bei der Entstehung der Beschwerden spielen. Die Forschung hierzu läuft jedoch weiterhin.
Nicht jede Frau benötigt sofort Medikamente. Bei leichten Beschwerden empfehle ich zunächst einfache Maßnahmen, die sich im Alltag oft gut umsetzen lassen.
Dazu gehören beispielsweise:
Auch ein aktueller Expertenkonsens bewertet Ingwer positiv und sieht ihn als sinnvolle unterstützende Maßnahme.
Natürlich gilt: Nicht jede Empfehlung hilft jeder Frau gleichermaßen. Jede Schwangerschaft ist individuell.
Wenn konservative Maßnahmen nicht ausreichen und die Beschwerden den Alltag deutlich beeinträchtigen, sollte über eine medikamentöse Behandlung gesprochen werden.
Nach aktuellem wissenschaftlichem Kenntnisstand gilt die Kombination aus Doxylamin und Pyridoxin (Vitamin B6) als die am besten untersuchte und empfohlene medikamentöse Therapie bei Schwangerschaftsübelkeit. Für diese Wirkstoffkombination besteht unter Experten ein sehr hoher Konsens.
Wichtig ist dabei, Medikamente nicht eigenständig einzunehmen, sondern gemeinsam mit der behandelnden Frauenärztin oder dem behandelnden Frauenarzt die passende Therapie auszuwählen.
Aus meiner Sicht ist genau das einer der wichtigsten Punkte.
Viele Frauen warten zu lange, weil sie glauben, Übelkeit gehöre einfach dazu. Tatsächlich kann eine frühzeitige Behandlung verhindern, dass sich die Beschwerden weiter verstärken und in eine schwere Form übergehen.
Besonders aufmerksam sollte man werden, wenn:
Dann sollte zeitnah eine frauenärztliche Untersuchung erfolgen.
Eine besonders schwere Form der Schwangerschaftsübelkeit ist die Hyperemesis gravidarum.
Sie geht weit über die gewöhnliche Schwangerschaftsübelkeit hinaus und kann zu:
führen. Diese Erkrankung sollte immer ärztlich behandelt werden.
Schwangerschaftsübelkeit ist häufig – aber sie sollte nicht verharmlost werden.
Heute wissen wir deutlich mehr über ihre Ursachen und über wirksame Behandlungsmöglichkeiten als noch vor einigen Jahren. Deshalb möchte ich Schwangeren Mut machen, ihre Beschwerden offen anzusprechen.
Niemand muss unnötig leiden, nur weil Übelkeit als „normal" gilt.
Je früher wir gemeinsam handeln, desto größer ist häufig die Chance, die Beschwerden gut in den Griff zu bekommen und die Schwangerschaft wieder entspannter genießen zu können.
Meist zwischen der 4. und 6. Schwangerschaftswoche.
Häufig um die 9. bis 10. Schwangerschaftswoche.
Bei vielen Frauen kann Ingwer leichte Beschwerden lindern. Er ersetzt jedoch keine ärztliche Behandlung bei stärkeren Symptomen.
Wenn Sie kaum noch essen oder trinken können, deutlich an Gewicht verlieren oder sich Ihr Allgemeinzustand verschlechtert, sollten Sie sich zeitnah untersuchen lassen.
Nein. Heute stehen verschiedene Maßnahmen und – wenn nötig – gut untersuchte Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung. Welche Therapie sinnvoll ist, sollte individuell ärztlich besprochen werden.
Über den Autor
Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe. In meiner Privatpraxis in Wilhelmshorst bei Potsdam nehme ich mir Zeit für Ihre individuellen Anliegen – persönlich, diskret und auf Basis aktueller medizinischer Erkenntnisse.
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